Im Gegensatz zu den anderen Hauptstädten an den Küsten der Ostsee (Stockholm, Kopenhagen, Tallin und Riga) ist Helsinki nicht in einer Zeit groß geworden, als die weltliche und kirchliche Obrigkeit Burgen, die später in Paläste umgewandelt wurden, und Kirchen errichten ließ und als in deren Schatten die Handels- bzw. Bürgersiedlungen entstanden. Helsinki ist wie St. Petersburg eine Gründung der Neuzeit, auf der Grundlage eines Stadtentwicklungsplans "auf der grünen Wiese" als Regierungszentrum errichtet worden. Die stürmische Entwicklung begann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert, als der wenig bedeutende Ort 1812 über Nacht zur Hauptstadt wurde.
Eine weiter zurückreichende Vergangenheit hat Helsinki nur insofern als ein gleichnamiger Ort als Relais und Stapelplatz am Königsweg bestand, dem 1550 das Stadtrecht verliehen wurde. Er lag im Binnenland, dort wo heute die Gemeinde Vantaa und der Flughafen liegen. Der schwedische Gouverneur Per Brahe, der als Förderer und Städtegründer in die Geschichte Finnlands eingegangen ist, veranlasste 1640, dass diese Ansiedlung an die Küste verlagert wurde. Dieses zweite Helsinki sollte ein Gegengewicht zu Tallin auf der gegenüberliegenden Küste des finnischen Meerbusens werden. Dazu ist es aber nicht gekommen.
Mittelbar bedeutsam sollte sich erweisen, dass auf den Schäreninseln vor Helsinki nach 1748 eine schwedische Großfestung, Sveaborg / Suomenlinna, geschaffen wurde. Das 18. Jahrhundert war eine Epoche des erbitterten Kampfes zwischen Schweden und Russland um die Vorherrschaft im Ostseeraum und speziell im finnischen Meerbusen gewesen. Der Verlust der Festungen von Wiborg und Haamina, beide im Osten der südfinnischen Küste gelegen, veranlasste Schweden mit Sveaborg den finnischen Meerbusen geostrategisch unter Kontrolle zu halten wie auch möglichen Angriffen auf das schwedische Kernland unterbinden zu können. Es ist eine Anlage, die in ihren gewaltigen Ausmaßen und Festungswällen uneinnehmbar erschien, daher stammt die Bezeichnung des "Gibraltars des Nordens". Gefährdet war sie allenfalls in den Wintermonaten während der Vereisung.
Dass das damalige Helsinki, als nächstgelegener Ort auf dem Festland, wirtschaftlich von dieser militärischen Anlage profitiert haben dürfte, ist wahrscheinlich, gleichwohl blieb der Ort weiterhin wenig bedeutend. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war dieses zweite Helsinki ein Ort mit 3.500 Einwohnern, sicher von Bedeutung für die Region aber kaum für das ganze Land.
Die Erhebung zur neuen Hauptstadt und die erste Ausbauphase 1812 - 1850
Diese Ausgangslage änderte sich 1808 / 1809 durch den erneuten Krieg zwischen Schweden und Russland, den Napoleon mittelbar angezettelt hatte, grundlegend. Dieser Krieg hat verschiedene Kuriositäten. Einmal die, dass die schwedischen Armeen sich ganz aus finnischen Gebiet zurückzogen und es somit dem russischen Heer überließ. Zum andern, dass die Festung Sveaborg ohne größere Gegenwehr dem russischen Heer übergeben wurde. Über diese Entscheidung des Kommandanten Admiral Cronstedt ist danach viel gerätselt worden, wobei selbst Verrat vermutet wurde. Dieses Ereignis wie die schon zu Beginn des Krieges erfolgte Besetzung der Hauptstadt Abo / Turku bedeuteten den endgültigen Wendepunkt in diesem Krieg zugunsten Russlands, in dessen Folge kam es zur Abtretung Finnlands an Russland im Frieden von Frederikshamn / Hamina 1809 und zu den denkwürdigen Tagen in Porvoo.
Zar Alexander I. war somit seit 1809 der oberste Souverän Finnlands und noch in seine Regierungszeit fiel 1812 der Beschluss, die politische Zentrale des teilautonomen Großfürstentums von Turku, dem Jahrhunderte langen politischen und kulturellen Zentrum Finnlands, in die Mitte der südfinnischen Küste und somit näher zu St. Petersburg zu verlegen. Der ausschlaggebende Grund für die engere Standortwahl dürfte zudem die Lage Helsinkis in der Nachbarschaft und im Schutz der nun russischen Festung auf den Schären gewesen sein. Damit begann die eigentliche Geschichte Helsinkis - wie ja auch der Aufbruch in die Zukunft Finnlands als selbständiges Land.
Das Großfürstentum war innerhalb des Zarenreichs politisch teilautonom, d.h. es hatte weitgehende Selbstverwaltungsrechte, die entsprechend durch politische Einrichtungen wahrzunehmen waren. Damit war das Bauprogramm für den neuen Standort bestimmt: Es galt die Gebäude oder besser gesagt Palastbauten für den obersten Souverän, den Zaren, für den russischen Statthalter, den Generalgouverneur, für den Senat als Entscheidungsorgan im Bereich der Selbstverwaltung und die sonstigen Amtsgebäude zu schaffen. Dazu gehörte auch eine Zentralkirche. Als Turku 1827 durch ein Feuer verwüstet worden war, wurde auch die Universität nach Helsinki verlagert. Des weiteren war ein repräsentativ gestalteter Hafen als meerseitiges Entrée in die Stadt vorzusehen.
Es galt in kurzer Zeit eine funktionstüchtige wie repräsentative Anlage "aus dem Boden zu stampfen". In der Größenordnung wie im ästhetischen Anspruch war das Vorhaben zwar kleiner aber im Anspruch an Funktion und Repräsentation durchaus vergleichbar mit St. Petersburg (ab 1702), der amerikanische Hauptstadt Washington, oder - in neuerer Zeit - Brasilia.
Ein Aufbaukomitee unter dem Vorsitz des Architekten Albrecht Ehrenström wurde beauftragt, den masterplan für dieses Projekt auszuarbeiten. Unter repräsentativem Städtebau verstand man damals die Geradlinigkeit und Parallelität der Straßenzüge wie die geometrisch-rechtwinklige Platzgestaltung vor den herausragenden Gebäuden. In Finnland besteht der Untergrund aus einer oft kleinteiligen Gemengelage aus gewachsenem, während der Eiszeit glatt geschliffenem Felsengrund einerseits und aus lockerem, ebenen Boden, dem Schwemmland, in den niedrigeren Lagen andererseits. Diese allgemein und besonders für die „kuppige“ Schärenküste typische Bodengestaltung liegt auch auf der Halbinsel vor, auf der die neue Hauptstadt zu errichten war. Durch ihre Mitte zieht sich ein Streifen flachen Landes, der an beiden Seiten durch höheres Felsgelände flankiert wird. Ein natürlicher Vorzug der Lage besteht darin, dass die Bucht am meerseitigen Ende einen natürlichen Hafen bildet, der heutige Südhafen.
In Anbetracht des welligen Geländes war eine Rechtwinkeligkeit der Straßen naturgemäß nicht leicht zu verwirklichen. Andererseits boten die Höhenunterschiede des Geländes und der Vor- und Rücksprünge der Küstenlinie, des Nebeneinanders von festem Land und dem Meer, vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten sowohl für die horizontale Dimension, die Straße, Plätze und Quartiere wie für die vertikale der Gebäude.
Vom Binnenland her kommend zieht sich die Hauptstraße entlang des westlichen Ufers der tief ins Land reichenden Meeresbucht bis in die Mitte der Stadt, dort knickt sie im stumpfen Winkel und bildet von nun an die Alleestraße, Esplanade genannt, die in weiteren, gradlinigen Verlauf den Rand des Hafenbeckens bildet, breit genug um den Hauptmarkt aufzunehmen; eine praktische Lösung, da die landwirtschaftlichen Produkte über das Meer angeliefert wurden. Bis heute ist es so, wie auch diese Bucht auch heute den Fährhafen Helsinkis ausmacht, nun mit diesen mehrstöckigen Großfähren, die selbst der Großkirche und der Uspensi - Kathedrale, der Kirche des griechisch-orthodoxen Glaubens, optisch Konkurrenz machen.
Meerseitig auf der rechten Seite dieses Straßenverlaufs wurden entlang der Hafenfront und auf dem dahinter liegenden ansteigenden Felsengelände die wichtigsten Regierungsgebäude, die Großkirche und die Universität konzentriert. An der Hafenfront der Zarenpalast, heute der Amtssitz des Staatspräsidenten, und das Rathaus, beide mit wenig gestalterischen Aufwand. Vor dem Sockel der Kuppe erstreckt sich der großräumige Senatsplatz, an dem die beiden sich, symbolträchtig genug, die Paläste des Senats, des Organs der Selbstverwaltung, und der zaristischen Souveränität, des Palastes des Generalgouverneurs (heute die Universität) gegenüberstehend errichtet wurden.
In der Mitte wurde das obligatorische Denkmal, hier für den Zaren Alexander II., des zweiten Zaren, der sich zugunsten seines Großfürstentums engagierte, plaziert. So ist es auch heute. Vom Denkmal dieses Souveräns blickt man auf die die Optik dieses Platzes wie des gesamten Zentrum beherrschende Großkirche, die bis heute zweifellose Stadtkrone. Im weiteren Verlauf der Kuppe bis zum Nordhafen entstanden die Remisen, Kasernen und Arsenale. Des weiteren sieht man auf der gegenüberliegenden Seite der Esplanade die beiden Wohnquartiere, das südliche auf dem Hang der dortigen Felsenkuppe, und im stumpfen Winkel versetzt das nordwestliche Quartier auf ebenem Gelände bis zum Ufer des westlichen Meereseinschnitts. Auch sie sind mit Schmuckplätzen versehen, wie es sich im klassizistischen Städtebau gehörte.
Helsinki um 1850
Wie hat man sich denn das Helsinki um die Mitte des 19. Jahrhunderts vorzustellen? Ein Zeitzeuge, Moritz von Lindemann, der 1855 ein Buch mit dem Titel „Finnland und seine Bewohner“ veröffentlicht hatte, gibt darüber mit folgenden Worten Auskunft: An Stelle der kleinen unscheinbaren Häuser sind hohe, prunkende Häuser aus Stein getreten, die wie am Faden aufgezogen in schnurgerader Reihe bald breite Straßen, bald wieder Vierecke bilden; dazwischen stehen prächtige Kirchen, stolze Monumente. Ja auch auf die Umgebung erstreckt sich diese große Veränderung. Wo ehedem das Felsenufer, von aller Vegetation gemieden, bloß lag, da schimmern jetzt liebliche Gartenanlagen und reichen mit ihrem freundlichen Grün in Alleen selbst zwischen die weiße Stadt, in Hauptstraßen herein, die sie in einen Boulevard umwandeln.
Helsinki war, so muss man aus diesen Zeilen schließen, nach 25 jähriger Bauzeit eine Kunststadt des 19. Jahrhunderts geworden, und dies in doppeltem Sinn: Als künstliche Stadt, eine Einpflanzung aus Staatsräson, und als Stadt in der schöne Gebäude verwirklicht worden waren. Jedenfalls machte Helsinki nach 25 jähriger Bauzeit auf den Besucher aus Deutschland bereits einen prächtigen Eindruck. Bedenkt man, wie beschaulich-kleinräumig, von ihren hölzernen, einstöckigen Häusern geprägten finnischen Städten waren, so dürfte der Eindruck wie auf das Erstaunen auf die finnische Bewohner noch weitaus größer gewesen sein. Man muss ja sehen, dass nirgendwo in Finnland bis zu diesem Zeitpunkt große öffentliche Bauwerke errichtet worden waren.
Helsinkis klassizistische Stadtkrone und Carl Ludwig Engel
Wer hat diese Ästhetik, diese Prächtigkeit geschaffen? Verantwortlich für die Gestaltung der wichtigsten, d.h. öffentlichen Gebäude wurde nicht Ehrenström sondern Carl Ludwig Engel. An ihn muss man also erinnern, wenn man die von Moritz von Lindemann dargestellte ästhetische Wirkung vor Augen hat.
Engel hatte von 1800-1804 Architektur an der Berliner Bauakademie studiert. Wegen der französischen Besatzung Preußens stellungslos, trat er in russische Dienste ein und war 1809 Stadtbaumeister für Reval (Tallin) geworden. Von dieser Position aus wurde er in das Neubaukomitee für Helsinki berufen. Engel hat das Höchste erreicht, was sich ein Architekt nur erträumen kann: Seine Art oder richtiger die in Berlin gelehrte Auffassung, ein Gebäude zu entwerfen, wurde für Jahrzehnte richtungsweisend, er hat die wichtigsten Staatsgebäude in Helsinki entworfen, und nach 1924, als er Generalintendant für das Bauwesen geworden war, im ganzen Land. In dieser Stellung zeigt sich im Übrigen der andere Engel, das des Architekten, der mit Liebe und Einfallsreichtum Holzkirchen, kleine Rathäuser und, wie in Pohja zu sehen ist, selbst Turmreiter entwarf. Dies alles in der nur kurzen Wirkungszeit von zwei Jahrzehnten. Er starb 1840, viele seiner Bauten wurden erst danach fertiggestellt, er hat "sein Helsinki" also nicht gesehen.
Engel war Exponent des Baustils, der heute als klassizistisch (auch neo-klassizistisch) bezeichnet wird. Diese Architekturmode setzte sich vom vorangegangenen barocken Stil eigentlich nur dadurch ab, dass das nun als ausschweifend, überladen Empfundene des Barocks und noch mehr des Rokoko gereinigt, man sagte sogar „purifiziert“, werden sollte. „Edle Einfalt, stille Größe“ war die künstlerische Maxime, so wie sie Winkelmann formuliert hatte. Der alte Kanon, die Symmetrie der Grundrisse, die Elemente der Schmuckfassade durch Giebel und Säulenordnungen, Architrave und flache Giebel (Tympanon) usw. blieben erhalten, sie wurden nur zurückhaltender eingesetzt. Das Dach sollte nicht mehr die prominente optische Rolle spielen. Man muss ja auch sehen, dass die Bautätigkeit nicht mehr auf Kirchen und adlige Paläste in freier, von Gartengelände umgebener Lage, sondern auf städtische Profanbauten, Regierungsgebäude, Museen, Universitätsgebäude in innerstädtischer Lage ausgerichtet war. Dementsprechend musste das Raumprogramm nicht mehr in diversen Pavillons sondern unter einem Dach in einem durch ein Straßengeviert bestimmten Grundstück untergebracht werden.
Wachstum und „Finnlandisierung“ Helsinkis 1860 – 1930
Helsinki war in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Regierungssitz, jedoch noch kein in der breiten finnischen Bevölkerung verankertes Zentrum; mit etwa 13.000 Einwohnern eine nur formal-politische Hauptstadt wie heute zum Beispiel das australische Canberra. Ein weiteres Zitat Lindemanns zeigt dies. In diesen Straßen lebt es wie in einer glänzenden Residenzstadt; auf und ab jagen glänzende Equipagen um die Wette mit den weniger anspruchsvoll aussehenden Droschken, und die Spiegelfenster glänzender Läden schauen auf breite Trottoirs herab, wo sich Gestalten hin und her bewegen, wie sie beinahe jeder europäischen Großstadt stereotyp sind: Dandies, Modedamen und vorzüglich viele Uniformen, denn dort ist jeder zweite Mensch ein Soldat. Und des weiteren erwähnt er mit wenigen Worten die finnisch sprechende Landbevölkerung. „In ärmlichen Hütten, auf nackten Felsen wohnt das Proletariat, die Fischer der Schären und die Bauernmädchen, die ihre aus ärmlichen Landwirtschaften kommenden Waren, auf dem Markt vor dem Zarenpalast feil bieten“.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt sich die finnischen Gesellschaft umzuwandeln. Zahlreiche Ursachen und Ergebnisse des sich modernisierenden Finnlands überlagerten sich bzw. bedingten sich gegenseitig wechselseitig: das demographische Wachstum, die Technologisierung der Landwirtschaft und die dadurch bedingte Landflucht, das Wachstum der industriellen Produktion wie auch der öffentlichen und privaten Dienstleistungen und der dadurch bedingte Arbeitskräftebedarf in den Städten. Lindemanns „arme Bauernmädchen“ verdingten sich nun als Dienstpersonal in den Haushalten des Mittelstands, während die noch ärmeren landlosen Kätner im aufstrebenden Gewerbe Arbeit fanden.
Auch das zunächst als reines Obrigkeitszentrum gegründete Helsinki mit einer mehrheitlich schwedisch sprechenden Bevölkerung unterlag oder profitierte von diesen Entwicklungen. Helsinki wuchs in einem gleich atemberaubenden Tempo wie andere europäische Städte und wie keine andere Stadt in Finnland. Um 1900 lebten in Helsinki 80.000 Einwohner, also fünf mal mehr als 1850. 1920 waren es dann 150.000 und heute sind es, wenn man die Wohnstätten in den Nachbargemeinden dazunimmt, annähernd eine Million.
Die Kulissenstadt Helsinki wurde die nun gesamtfinnische Hauptstadt versehen mit all dem was den Städten in Europa als Zentren der öffentlichen und privaten Verwaltungen, den Verkehrs- und Industrieanlagen usw. ausmacht.
Wie hat sich dieser zweite, nun aus dem Lande selbst stammende Wachstumsschub auf die Stadtgestalt ausgewirkt? In wie weit entstanden Viertel in einer anderen Charakteristik, in einer von Engels Helsinki abweichenden Gestalt?
Verdichtung und Erweiterung 1850 bis 1930
Das städtebauliche Wachstum erfolgte wie in allen Städten des damaligen Europas in einer doppelten Weise: Durch Verdichtung der Bebauung in den bereits bestehenden Wohnvierteln einerseits und durch großflächige Erweiterungen an ihren Rändern andererseits.
Das Wohnviertel westlich der Esplanade bzw. des in das Binnenland führenden Straßenzugs bestand ursprünglich aus ein- bis zweistöckigen Häusern um die „Alte Kirche“, Vanhan Kirkko, so genannt, nicht weil sie tatsächlich historisch ist, sondern weil sie als vorläufige Kirche bis zur Fertigstellung der Großkirche diente. Der Architekt dieses in Holz erstellten Gotteshauses war, wie könnte es anders sein, Engel. Sie zeugt noch heute von der ehemaligen Maßstäblichkeit des Straßenbildes. Um sie herum wurden die zweistöckigen Wohngebäude durch eine vier bis fünfstockige Wohnbebauung ersetzt, bei zugleich höheren Raumhöhen eine doppelte Vertikalisierung. Es entstand, da die bis 1850 errichteten Straßen mit Blick auf eine niedrigere Bebauung dimensioniert waren, ein sehr dicht gepacktes Stadtbild, wie man es sonst in keiner anderen Stadt Finnlands vorfindet.
Die dem Regierungsviertel gegenüberliegende Felskuppe, wurde an ihren niedriger gelegenen Rändern ebenfalls dicht bebaut, und in diesem Verlauf entstand eine Kirche im gotischen Stil, die mehr Gläubige als die Großkirche aufnehmen kann. Auf ihrem höher gelegenen Areal wurde sie zum feinen Viertel mit Villen, darunter die des für die Geschichte Finnlands so wichtigen Gestalt des Gustav Mannerheims. Am höchsten Punkt befindet sich Engels Observatorium der Universität, Ausdruck einer Zeit, in der die kosmologische wie die erdgeschichtliche Erkundung unseres Planeten einen Schwerpunkt der Wissenschaften darstellte.
Entlang der Esplanade entstanden Geschäftshäuser und Hotelpaläste in der pompösen, historisierenden Boulevardarchitektur der europäischen Großstädte. Umso mehr wurde die Esplanade zum wichtigsten öffentlichen Raum und, wie könnte es anders sein in der damaligen denkmalbegeisterten Zeit, durch Statuen der herausragenden Personen des finnischern Kulturlebens geschmückt. Doch nicht das Denkmals des Nationaldichters Johan Ludvig Runeberg wurde zum auffälligste Blickpunkt, sondern Havis Amanda, eine Meernixe auf „pariserische“, keineswegs sittenstrenge Art empfunden, deren Aufstellung damals erheblichen Wirbel auslöste.
In der Verlängerung der Esplanade wurden das Gelände rund um die Zugangsstraße in das Binnenland nun ebenfalls Geschäftsstraße und mit dem benachbarten Bahnhof und dem Bahnhofsvorplatz das Geschäftsviertel.
Bahnhöfe waren nicht nur Knotenpunkte des Verkehrs sondern ein Symbol des Fortschritts, der durch Mobilität bewirkt wird wie er diese hervorruft. Dementsprechend großzügig war das Empfangsgebäude zu gestalten und mit dem großzügig dimensionierten, freien Raum um den Bahnhof kam ein neuartiger Platztyp hinzu neben den Märkten in den Wohnquartieren, den Plätzen um die Kirchen und vor den Regierungsgebäude hinzu. Der zweite Bahnhof ist auch heute ein Schmuckstück der Stadt.
In welcher Weise dehnte sich Helsinki an den Rändern der bereits bebauten Halbinsel aus? Ein Blick auf die Karte zeigt, dass das Gelände im nördlichen und östlichen Bereich von der Tölöölahti (Lahti heißt Bucht) bogenförmig umgeben ist. In manchen europäischen Städten hätte man durch Zuschüttung Land für die Erweiterung gewonnen. Dies ist aber in Helsinki glücklicherweise nicht geschehen. Zwei Areale für Erweiterungen zur Verfügung: Am westlichen wie am östlichen Ufer der Tölöö-Bucht, beide Areale, das westliche Tölöö-Viertel und das östlich gelegene Kallio-Viertel höher gelegen.
Tölöö wurde zum gutbürgerlichen Wohnviertel, begrenzt durch die entlang dem Ufer der Tölöö-Bucht verlaufende Ausfallstraße einerseits und der Küste der westlichen Meeresbucht andererseits. Es war eine glückliche Idee der 1970er Jahre dort eine Kirche nicht in die Höhe, wie sonst üblich, zu ziehen, sondern in die Tiefe des Felsbodens des Granits hinein einzulagern. Überraschend ist, dass Granit, der ja als graues Gestein gesehen wird, vielfarbig ist, was die mystische, ja naturhaft-pantheistische Wirkung dieses Kirchengebäudes ausmacht.
Das Kallioviertel, die Berghöhe, wurde der Standort der Fabriken und der ärmlichen, von Arbeitern bewohnten Häuser, so beschrieb es ein Besucher in den 1920er Jahren, heute heißt es, dass es ein Szene-Viertel sei. Auf dem höchsten Punkt wurde die Kalliokirkko, eine höchst expressive Kirche im Jugendstil errichtet. Ihre Lokalität und Gestalt ist nur dann zu verstehen, wenn man sieht, dass die Stadterweiterungen geplant waren, nicht einfach nur durch Verlängerung bereits bestehender Straßenzüge in das Umland.
Helsinkis Beitrag zur Architekturmoderne des 20. Jahrhunderts
Soweit im Regierungsviertel um die Großkirche noch Regierungsgebäude nach 1850 entstanden, waren diese nicht mehr neoklassizistisch sondern nach der neuen Mode der Neorenaissance gestaltet worden, d.h. mit Rundbögen über den Fensteröffnungen und statt hellgetünchten Wandflächen mit mehr Farbigkeit und Materialvariation (so die Nationalbank). Das Ritterhaus zeigt am deutlichsten die Abkehr von Engels Gestaltungsprinzipien. Es ist ein Backsteingebäude, wie die zweite Großkirche Helsinkis die Uspenski Kathedrale, die Zentralkirche für die griechisch-orthodoxen Gläubigen.
Der Zeitraum des Bauens ab 1890 bezeichnet man als „nationalromantisch“, wodurch gesagt werden soll, dass die Gebäude als Symbol für eine spezifisch finnische Identität stehen sollten. Es war, wie in anderen europäischen Ländern auch, eine nachträglich konstruierte Identität (Eric Hobsbawn), denn finnische Identität war ja, historisch gesehen, das einfache, aus Holzbalken gezimmerte Bauernhaus, Kota, in der Einöde und die schlichte Feldsteinkirche, in den Städten das direkt auf den Felsen gesetzte einstöckige, hölzerne Wohnhaus, wie man es in Porvoo erleben kann.
Der finnische Weg, das historische Element in die ja moderne Welt der mehrgeschossigen Häuser in einer Straße der inneren Stadt und der öffentliche Gebäude hineinzutragen, knüpfte an die Kalevala an, eine Sammlung von mythischen Gesängen, die Elias Lönnrot auf seinen Wanderungen in Karelien (dem östlichen Finnland) aufgefunden und zu einem Epos zusammengefügt hatte. Und der beabsichtigte Kontrast zum Klassizismus, der säkularen Architektur der Obrigkeit, setzte man in der Weise um, dass die Baukörper anti-symmetrisch entworfen wurden und mit einer als dem mythischen Bewusstsein entsprechenden Ornamentik versehen wurden. Eine weiteres Element war, Granit zu verwenden. Die beiden Gebäude, die diese Gedankenwelt repräsentieren, sind das Pohjala-Haus und das Nationalmuseum. Doch Abkehr ließ nicht auf sich warten.
Johannes Öhquist beschrieb 1918 den erneuten ästhetischen Umschwung seiner Zeit so: Es galt nun (so um 1900) sich „aus den Formen der Überlieferung frei zu machen und in großen, vereinfachten Linien das Geistige und Wesentliche aufzufangen und damit das Werk der Kunst nicht mehr als eine bloße Nachahmung erscheinen zu lassen, sondern eine selbständige ihren eigenen Gesetzen folgende Sprache innerlich erschauten Lebens.
Und fährt dann mit Blick auf die Baukunst fort: Die Baukunst kam nach der kurzen Glanzzeit Engels über einen die Antike und Renaissance nachahmenden Eklektizismus nicht hinaus. Um so überraschender wirkte um die Jahrhundertwende das Auftreten einiger junger Baukünstler, in deren Wirken sich ein neues Stilgefühl ankündigte. .. Die Baukünstler beginnen nach größerer Ruhe und Schlichtheit, nach klarem Ebenmaß und Gleichheit und nach einer verstandesmäßigeren Ausschmückung zu streben.
Diese 1918 geschriebenen, optimistischen Sätze stehen tatsächlich für den Beginn einer baukünstlerische Linie, die den Ruf Finnlands als Provinz des avantgardistischen Bauens begründet haben. An zwei Gebäuden, dem zweiten Bahnhof und dem Parlamentsgebäude kann man dies aufzeigen.
Der erste Bahnhof, um 1860 entstanden, wurde 1905 durch einen Neubau ersetzt. Der Architekt war Elie Saarinen, die zweite herausragende Architektenpersönlichkeit Finnlands nach Engel. Dieser ist der bedeutendste Beitrag Finnland zum Jugendstil, dieser ja kurzen baugeschichtlichen Epoche zwischen dem Eklektizismus und der folgenden „Sachlichkeit“ (kurz gesagt dem Bauhausstil). Die Maxime des Jugendstils war, das Gebäude als Plastik ohne „scharfkantig“ zu sehen, die Wände nicht mit klassizistischem Stuckwerk zu überziehen, die ästhetische Wirkung einer Wandfläche im Verhältnis zu den Öffnungen und zu den Schmuckelementen wieder zur Geltung zu bringen und das Innere des Gebäudes dem Sonnenlicht zu öffnen.
Im Entwurf Saarinens ist dieses Programm auf ein großes Gebäude in einer überzeugenden Weise angewandt, wobei die Plastizität auch unter Gesichtpunkt der Symbolik gesehen wurde. Diese ist aber nicht mehr vorrangig „nationalromantisch“ gedacht sondern verweist auf die Zukunft eines aufstrebenden Landes hin. So vor allem, wenn der zentral-mittige Portal auf beiden Seiten von dem Naturalismus entsprechend stilisierten eine Lichtkuppel tragende Atlanten flankiert wird, wie andererseits der hoch aufragende Turm wie der weite Platz vor der Fassade des Empfanggebäudes das Bedeutende der Örtlichkeit heraushebt.
Das zweite Gebäude ist das Parlamentsgebäude und somit umso mehr auch ein symbolisch gedachtes Gebäude. Seine Erbauungsgeschichte ist zweifach zu sehen, als Standortsuche innerhalb der nun ja schon ausgedehnten Stadtlandschaft wie als Suche nach einer die Souveränität des Landes repräsentierenden Ästhetik.
Die Entwicklung des Parlamentarismus in Finnland reicht zurück in die Kaiserzeit, denn 1863, in der Reformzeit des liberal eingestellten Zaren Alexanders II., wurde die Landständeversammlung mehr als 60 Jahre nach Porvoo zu einem ständig tagenden Landtag aufgewertet. Er blieb aber zunächst, wie in Porvoo 1809, ständisch, d.h. in drei Kammern die des Adels, der Kirche, des Bürgertums und des Bauernstandes aufgeteilt.
1905, zur Zeit der ersten Revolution in Russland, wurde diese ja noch vordemokratische Institution in ein Parlament umgewandelt mit einer Kammer, deren Mitglieder durch allgemeine Wahlen bestimmt wurden, auch Frauen waren wahlberechtigt, zum ersten Mal überhaupt in Europa.
Es lag nun nahe dafür ein eigenes Haus zu errichten. In immer neuen Varianten suchte eine Parlamentskomitee nach einer geeigneten Lage innerhalb des Stadtgebiets. Erörtert wurden Standorte in der Nachbarschaft der Großkirche und auf entlang der Unionskatu, der Achse, die gradlinig die beiden höchsten Felskuppen der Stadt, der Observatoriumshügel und Kallio verbindet. Letztlich entschied man sich für eine Lage zwischen dem Bahnhof und dem Nationalmuseum an der Ausfallstraße ins Binnenland, allerdings in der unansehnlichen Nachbarschaft zum Betriebsgelände des Bahnhofs.
Was für den Bahnhof gilt, trifft auch für die Ästhetik des Parlaments zu: Im Gegensatz zu den eklektischen Parlamentsgebäuden des 19. Jahrhunderts in Berlin, London, Wien oder Budapest gehört es in die post-eklektische Zeit soweit es die Fassade angeht. Saarinens Wettbewerbsentwurf im art nouveau Stil auf dem Observatoriumshügel in direkter Sichtbeziehung zur Großkirche und zum Südhafen blieb unberücksichtigt.
Siréns Gebäude, das durch seine streng-kubische Form mit einer spätklassizistischen Säulenordnung der Schaufront sowohl nationalromantisch wie modern-funktionalistisch, jedenfalls erhaben wirkt. Ein neuer Blickfang im Helsinki des Jahres 1930, dem Jahr der Fertigstellung wie auch heute. Warum diese stilistische Rückwende bevorzugt wurde, darüber lässt sich lange spekulieren, auf der einen Seite ein Symbol des nun unabhängigen Staates, auf der anderen Seite eines konservativen Traditionalismus eines Staates, der die Apokalypse des Bürgerkrieges erlebt hatte.
Ein drittes Gebäude ist die Kathedrale der modernen Zeit, das Kaufhaus Stockmann im Geschäftsviertel um den Bahnhofsplatz. Mit ihm kam der Backsteinexpressionismus in die Stadt.
Die Depression der dreißiger Jahre beendete diese zweite, bemerkenswerte Phase der finnischen Architektur. Saarinen verließ seine Heimat, da Bauaufträge nicht mehr zu erwarten waren, und begann eine zweite Karriere in Nordamerika.
Die Regionalisierung Helsinkis in der Gegenwart
Schwere Zeiten haben ganz Finnland und Helsinki während und nach dem Zweiten Weltkrieg durchgemacht. Aber man sieht diese Zeit des besiegten Landes, das die Bewohner des nun zur Sowjetunion gehörigen südlichen Kareliens aufzunehmen und Kriegsentschädigungen zu erbringen hatte, auch als Aufbruchsepoche, die zur endgültigen Umwandlung in die Industrie- und später Dienstleistungsgesellschaft von heute führen sollte. Die 1960er Jahre waren das erste Jahrzehnt eines prosperierenden Finnlands. In den folgenden Jahrzehnten wurde aus der mittelgroßen Stadt, die sie noch 1930 war, die Großstadt von heute.
Dass auch am Rande des inneren Kerns der Stadt und im Bahnhofsquartier Geschäftsbauten in diesem mehr der Nützlichkeit als der ästhetischen Wirkung verpflichtete Rasterbauten hinzukamen und für diese Zweckbauten frühere Häuser weichen mussten, wird man nicht übersehen können. Aber im Großen und Ganzen fallen sie nicht ins Gewicht gegenüber dem vorhandenen Gebäudebestand. Es gab neue Gebäude und neue Wohnviertel in einer Qualität, die Anlass dazu gaben, dass viele Architekten und Studierende der Architektur nach Finnland pilgerten, wobei das Interesse an der Innenraumgestaltung oft überwog.
An erster Stelle steht dabei der Architekt Alvar Aalto, dessen ideenreicher Stil aus der Kombination von plastisch geformten, auch unterschiedlich hohen Kuben, die die jeweiligen, inneren Raumzwecke im Äußeren abbilden, besteht. Diese Wirkung wird, wie in seinem größten Werk in Helsinki, der Finnlandiahalle, zu sehen ist, durch das Herausrücken der Bauteile aus dem rechten Winkel unterstützt. Mit ihm kam in Helsinki auch die helle Farbigkeit wieder zur Geltung.
In den 1970er Jahren kam man auf die glückliche Idee im südlichen Töloo eine Kirche in den graniten Untergrund hinein zu bauen. Dort zeigt sich der Granit, den wir doch als eher graues Massengestein wahrnehmen, in seiner wahren Gestalt mit einer bunten Farbigkeit, die wohl keinen Besucher unberührt lässt.
In die 1960 und 1970er Jahre fällt die Verwirklichung der Wohnsiedlung Tapiola als Stadtteil der Gemeinde Espoo. Dort wurde die Aufgabe, die „gegliederte und aufgelockerte Stadt“ als Ansammlung der Wohnungen für sehr viele Familien zu verwirklichen, durch Verzicht auf Übergröße der Gebäude, Variantenreichtum in ihrer Gestaltung und durch Einbeziehung der Landschaft und der Pflanzen und Bäume als stadtbildprägend. Viel besser gelöst als in den „Trabantenstädten“ im übrigen Europa mit ihren übergroßen Dimensionen und ihrer Unwirtlichkeit.
Nach dem zweiten Weltkrieg wuchs Helsinki besonders schnell, aber dieses Wachstum vollzog sich nicht mehr innerhalb der Stadtgrenzen, sondern im Umland, in den Außenbezirken und in neuen Pflanzstädten Espoo und Vantaa. Tapiola wurde als moderne Gartenstadt international sehr beachtet. Helsinki wurde dadurch zur Stadtregion mit heute mehr als einer Million Einwohnern, ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Finnlands - das heftig pochende Herz Finnlands.